ÜBER WELLEN UND DAS BEWERTEN DER REALITÄT

Wie auch das Meer sich ständig bewegt, von Windstille über sanfte Wellen, bis hin zu hohem Seegang, so ändert sich das Leben. Jeder Moment bringt neue Fakten, neue Empfindungen und neue Herausforderungen. Meist fühlen wir uns dieser Lebendigkeit nicht gewachsen, wünschen uns glatte See, wenn es stürmt, und haben Angst, nass zu werden - geschweige denn, uns in die Wellen zu werfen. Wir wollen den Moment festhalten, wenn er uns "positiv" erscheint, und wollen ihn verändern, wenn wir ihn als "negativ" bewerten. Schmerz versuchen wir zu vermeiden. Auch mit sogenannten "positiven" Empfindungen wie Freude, Dankbarkeit und Liebe können wir oft nicht umgehen, es fällt uns schwer, sie vollkommen zu erlauben, und wirklich zu genießen.

Denn Intensität macht Angst.

Wenn wir uns von ihr abschneiden, können wir das Leben nicht unmittelbar erfahren. Wir befinden uns dann in einer Blase, in der wir gedanklich um uns selbst kreisen. Mit unseren Erwartungen und Bewertungen trennen wir uns vom Leben ab.

 

“Und Schlag auf Schlag!
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehen!”   — Faust, Goethe
 

Wie kann ich aufhören, den Moment zu bewerten?

Indem ich mit meiner Aufmerksamkeit in das Jetzt komme. Denn wenn ich bewerte, halten meine Gedanken immer an der Vergangenheit oder der Zukunft fest.

Ein Beispiel: Elena trifft ihren neuen Freund, in den sie frisch verliebt ist, sie sitzt in dem Café, in dem sie verabredet sind. Mit ihrer Erwartung befindet sie sich gedanklich in der Zukunft: sie malt sich aus, dass dieses Treffen bestimmt, hoffentlich, wieder genauso schön wird, wie das Letzte. Elena bekommt eine Sms: Ihr Freund kommt eine Stunde zu spät, er muss länger arbeiten. Sie ist enttäuscht. Sie hasst es, zu warten, es erinnert sie an ihre Kindheit, als ihre Mutter sie so oft zu spät vom Kindergarten abholte. Elena überkommt ein Gefühl von Enge und Verwirrung. `Was ist bloß los? Gerade habe ich mich noch so gefreut und jetzt will ich am liebsten nach Hause gehen und den Rest des Abends vor dem Fernseher verbringen.`

Wie kann sie, statt in der Zukunft oder in der Vergangenheit, im Moment sein? Die Aufmerksamkeit für ihren Körper hilft ihr dabei. Sie bemerkt, dass sich ihre Schultern angespannt haben und sich ihr Brustkorb zusammen zieht, und dass sie auch ihren Bauch anspannt. Vor lauter Härte empfindet sie die Enttäuschung kaum noch, fühlt sich nur lustlos und leer. Ihre Gedanken kreisen: `So ein Arschloch. Ich bin ihm nicht wichtig. Oder geht es einfach nicht anders, und er muss wirklich länger auf seiner Arbeit bleiben? Er hätte mich wenigstens anrufen können.` In diesem Zustand möchte sie wirklich nur auf ihrer Couch sein. Dann lässt sie die Anspannung und die anstrengenden Gedanken los, und atmet. Sie merkt, dass Energie durch ihren Körper strömt, ihr Herz klopft. Dieser Moment ist intensiv, sie freut sich einfach sehr auf ihren Freund, und sie ist ein wenig traurig, dass er später kommt. Aber ihre Enttäuschung ist viel weniger dramatisch, als sie im ersten Moment dachte. Gleichzeitig hat sie neuen Zugriff auf ihre Lebendigkeit und Neugierde. Sie kommt mit ihren Tischnachbarn ins Gespräch. Als ihr Freund kommt, ist Elenas Frust verflogen, sie kann ihm von Neuem begegnen, mit Interesse für ihn und den Moment. - Der Abend hätte ganz anders laufen können: sie hätte weiterhin mit ihrer unterdrückten Trauer gekämpft und ständig mit dem Gedanken gespielt, das Treffen abzusagen, um zu Hause ihrer Resignation zu huldigen.

Es ist eine wesentliche Entscheidung, ob wir das Leben aus sicherer Entfernung durch die Gedankenblase, in der wir uns um uns selbst drehen, oder unmittelbar und wertfrei erfahren wollen.
Für Letzteres brauchen wir mehr Mut. Das Leben begegnet uns in mehr Varianten, in verschiedensten Wellenhöhen, wir können lernen, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu entdecken, und uns ein anderes Mal treiben zu lassen, je nachdem. Die Höhe mancher Wellen und die Tiefe bestimmter Tauchgänge werden immer neue Herausforderung darstellen. Doch wir können lernen, sie nicht zu bewerten. Und vertrauen, dass wir nicht untergehen. Dafür hilft es, unsere Aufmerksamkeit weg von den sich wiederholenden Gedanken, in den Moment zu bringen, wir brauchen unseren Körper, um schwimmen zu können.

(Ada, 13. November 2015)